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Eine fremde Kultur wertschätzen

Interkulturelles Training im Roncalli-Haus in Wiesbaden
Eine fremde Kultur wertschätzen
Eine fremde Kultur wertschätzen
© Bistum Limburg

„Planen Sie mehr Zeit ein und sagen sie vor allem nicht ,Ich habe keine Zeit‘“, empfiehlt Doris Lenhard für den Umgang mit Menschen aus dem Orient. „Bewegen Sie sich etwas langsamer - Ein bisschen steif wie die Queen oder Frau Merkel.“ Das komme in arabischen Ländern besser an als ein lässiger Gang, erklärt die Sprach- und Kulturtrainerin. „Ein „Nein“ direkt ins Gesicht: Für Deutsche sei das normal, Araber hingegen könnten das wie ein Schlag ins Gesicht auffassen. Sechs Jahre hat Lenhard in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Oman gearbeitet, im Libanon und in Ägypten hat sie zuvor eine Ausbildung absolviert, in Jerusalem und dem Palästinensergebiet studiert. Jetzt gibt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen in einem interkulturellen Training weiter, zu dem die Projektstelle „Willkommenskultur für Flüchtlinge im Bistum Limburg, die Katholische Erwachsenenbildung und der Diözesancaritasverband eingeladen haben. Etwa 15 Leute haben sich am Samstag, 24. Februar, im Roncalli-Haus in Wiesbaden mit der arabisch-muslimischen Kultur beschäftigt, über kulturelle Unterschiede gesprochen und über das richtige Verhalten im Alltag diskutiert.

Kulturelle Unterschiede führen leicht zu Konflikten

Unterschiede zwischen der deutschen und arabisch-islamischen Kultur – das wird den haupt- und ehrenamtlich Engagierten aus der Flüchtlingsarbeit schnell klar – gibt es viele: unterschiedliche Zeitverständnisse, verschiedene Kommunikationskulturen und gegensätzliche Werte sind nur einige Beispiele. „Das Deutsche und Arabische steht in einer Spannung zueinander. Und dieses Spannungsverhältnis lässt sich nicht gut auflösen“, erklärt Lenhard. Deshalb könnten relativ einfach Konflikte entstehen, die die Beziehung belasten oder gar zerstören. Wem es gelinge eine gute Balance zwischen Selbstbehauptung und Wahrnehmung des anderen zu finden und über elementares Wissen verfüge, könne Brücken schlagen zwischen Menschen und Kulturen. 

Lässigkeit wird als Mangel an Bildung und Moral gedeutet.

Doris Lenhard

Über Politik wird nicht gesprochen

Mit dem arabischen Verständnis von Ehre und Scham hätten die Deutschen am meisten Probleme. Das betreffe nicht nur unterschiedliche Geschlechterrollen oder Sexualität und Körperlichkeit. Auch vermeintlich kleine Details spielen eine große Rolle: „Bei uns sind die Füße meist irgendwo, nur nicht unten. Für Araber gehören Füße nach unten.“ Wer mit seinen Fußsohlen auf jemand zeige, beschämt ihn, nennt Lenhard ein Beispiel. Auch auf eine würdige Körperhaltung und gute Kleidung wird großen Wert gelegt. „Lässigkeit wird als Mangel an Bildung und Moral gedeutet“, so Lenhard. Das Äußere zeige wie ein Spiegel, wie es im Inneren eines Menschen aussehe. „In der orientalischen Kultur verliert man sein Gesicht, wenn man rennt.“ Nur ein Diener sei hektisch, nicht aber dessen Herr. Deutsche hingegen interpretierten Langsamkeit schnell als Faulheit oder Respektlosigkeit. Dass Araber wie Deutsche offen über Probleme, Konflikte oder Politik sprechen, sei undenkbar. Dafür spiele Religion eine viel größere Rolle.  

Integration ist große Leistung

Lenhard wirbt um Verständnis im Umgang mit Menschen aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis. „Ich habe viele Menschen kennengelernt, die einen Kulturschock erlebt haben“, sagt Lenhard. Die Forderung, dass sich Geflüchtete hier integrieren, sei gerechtfertigt. Man müsse ihnen aber helfen, sich an die fremde Kultur heranzutasten. Überheblichkeit sei wenig hilfreich. „Was heißt Integration eigentlich? Wir denken immer, dass jemand schön deutsch wird. Das stimmt aber nicht.“ Integration sei ein hochkomplexer Vorgang. „Beide Welten in sich zu integrieren: Das ist eine große Arbeit.“

Der Sprach- und Kulturtrainerin geht es nicht nur um die Vermittlung von Wissen, um gegenseitiges Verständnis, sondern auch darum, Wertschätzung für die jeweils andere Kultur zu vermitteln. Für sie zeigt sich das besonders im arabischen Verständnis von Gastfreundschaft. Gastfreundschaft sei viel mehr als jemanden einzuladen. Es geht darum, dem anderen bei der Begegnung voll zugewandt zu sein. „Es ist wirklich ein Lebensstil, dem Menschen zugewandt zu sein.“ 

Am 18. August findet ein zweites interkulturelles Training statt. Weitere Informationen unter willkommenskultur@bistumbistumlimburglimburg.de

Doris Lenhard ist ausgebildete Sprach- und Kulturtrainerin. © C.Mann/Bistum Limburg
Doris Lenhard ist ausgebildete Sprach- und Kulturtrainerin. © C.Mann/Bistum Limburg
© C.Mann/Bistum Limburg
Was möchte ich verbessern? Jeder Teilnehmer sollte für sich zwei Vorsätze fassen. © C.Mann/Bistum Limburg
In Kleingruppen setzten sich die Teilnehmer mit verschiedenen Fallbeispielen auseinander. © C.Mann/Bistum Limburg