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Ankommen, nicht nur herkommen
Ankommen, nicht nur herkommen

Ankommen, nicht nur herkommen

WIESBADEN.- Religion als wichtiges Hilfsmittel in der Arbeit mit Flüchtlingen in Schule und sozialer Arbeit: Dies will der am vergangenen Samstag, 4. Juni, gestartete Kurs „Flüchtlinge in Schule und Sozialer Arbeit“ für haupt- und ehrenamtliche Engagierte verdeutlichen. Zu der öffentlichen Auftaktveranstaltung kamen über 60 Teilnehmer in das Haus der Wiesbadener Stadtkirche.  

Warum der Kurs besonders ist und Seltenheitswert besitzt, verdeutlichte der Leiter der katholischen Erwachsenenbildung Hessen zu Beginn: „Wir machen sehr viele Deutsch- und Integrationskurse. Aber alle diese Kurse machen einen Bogen um Religion. Wir thematisieren Religion. Religion ist Ressource“, sagte Johannes Oberbandscheid. „Angesichts von ausländerfeindlichen, antiliberalen, antihumanen und antichristlichen Positionen ist Integration wichtiger denn je.“ Dies unterstrich auch der Wiesbadener Stadtdekan Klaus Nebel. Es reiche nicht aus, Flüchtlingen nur ein Dach über dem Kopf zu geben. Vielmehr brauche es „Begegnungen auf Augenhöhe“, sodass es „nicht nur ein Herkommen, sondern auch ein Ankommen ist“, so Nebel.

Arabische Revolution weckte Hoffnungen

Zum Auftakt waren namhafte Referenten eingeladen, die einen fundierten Einblick auf Fluchtursachen vermittelten als auch islamisch-theologische Perspektiven auf Flucht und Vertreibung eröffneten: Einen kultursensiblen und empathischen Außenblick jenseits des pädagogischen und sozialarbeiterischen Bereiches gab Julia Gerlach. Die Autorin und Journalistin berichtete anhand berührender Anekdoten von ihren Reisen über die aktuelle Situation in den Ländern des Nahen Ostens und das Leben der Menschen, für die Flucht „Alltag und Geschäft“ zugleich geworden sei. Die Arabische Revolution habe in den Menschen Hoffnungen geweckt, dass sich ihr Leben verbessern könne. Geändert aber habe sich nichts. „Viele haben das Gefühl, dass sie ihrem Schicksal überlassen werden“, sagte Gerlach. „Was geblieben ist, sind Armut und Perspektivlosigkeit.“

Laut Gerlach habe das Scheitern der Arabischen Revolution zu einer Destabilisierung und einem Zerfall staatlicher Institutionen im Nahen Osten geführt und Länder wie Libyen zu Durchgangsländer für Flüchtlinge gemacht. Libyen, unter Machthaber Gaddafi verlässlicher Partner für Europa, werde heute wie der Jemen, Syrien, Somalia oder Afghanistan von Bürgerkrieg oder islamistischen Terror erschüttert. Zu dieser Destabilisierung tragen laut Gerlach auch die verbliebenen Kräfte der alten Machthaber bei: „Überall sind die Kräfte der alten Regime am Werk.“ Gerlach ging dabei besonders auf Syrien ein: „Baschar Al-Assad hat es geschafft Religionsgruppen gegeneinander aufzuhetzen. Viele Teile des Landes sind stark zerstört. Aber er ist der eigentliche Sieger des Konfliktes.“ Die rücksichtslose Kriegsführung des Assad-Regimes sei ein wesentlicher Grund, weshalb die Menschen aus Syrien fliehen: „Wenn man mit Geflüchteten aus Syrien redet, fliehen diese meist vor den Fassbomben und Angriffen des Regimes ? und wegen Perspektivlosigkeit.“

Flüchtlinge in Regelsystem integrieren

Der Frankfurter Professor Harry Harun Behr plädierte dafür, Flüchtlinge möglichst schnell in bestehende Systeme zu integrieren und auf Sondersysteme für Flüchtlinge zu verzichten. „Es muss darum gehen, die jungen Männer und Frauen zu einem Abschluss zu führen, der unserer Regelausbildung entspricht“, nannte der Professor für Erziehungswissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität und Berater im Auswärtigen Amt ein Beispiel.

Damit die Flüchtlinge in der deutschen Gesellschaft gut integriert werden könnten, sei es auch wichtig, Religion als wesentlicher Teil der Identität der Flüchtlinge wertzuschätzen. „Auf Dauer wird das ein sehr wichtiger Aspekt werden“, sagte Behr. Religion sei eine Ressource, die weniger Problem als vielmehr Problemlösung für eine gelingende Integration darstelle. Behr zeigte an anhand verschiedener Suren im Koran, dass der islamische Koran Flucht thematisiert und sinnvolle Handlungsweisen aufzeigt. „Die islamische Theologie hat etwas zu den Problem, die wir verhandeln, zu sagen. Der Koran ruft auf, die Zivilgesellschaft als Solidargemeinschaft zu verstehen. Das ist eine religiöse Ressource“, sagte Behr.   

Neben dem Auftakt im Juni und dem Abschluss im November warten auf die Teilnehmer vier Module, zu denen jeweils externe Experten eingeladen sind. Zum Kurs gehört auch ein praxisnaher Austausch in Workshops.(clm)